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Die Sage um Vineta

Jeder kennt Vineta als Straßennamen, aber kaum jemand kennt die Sage über die versunkene Stadt an der Ostsee.
Der Sage nach ist die Stadt durch einen Sturm im Hochwasser versunken. Kaufleute kamen aus der ganzen Welt und berichteten von einer reichen Handelsstadt, die wegen des moralischen Verfalls und wegen des Hochmuts der Bürger untergegangen ist. Es wäre aber keine Sage, wenn die Stadt nicht wieder auferstehen könnte. Es heißt: Die Stadt erscheint am Ostersonntag, steigt aus den Fluten und derjenige, der mit einem Dukanten die ihm angebote Ware bezahlt, kann die Stadt von dem Fluch des Untergangs erlösen.

Im Buch suchen Mira und Léon nach weiteren Hinweisen und besuchen auf Hiddensee die Klosterbibliothek. Dort finden sie einen Computerterminal mit einer Multimediashow vor. Beide setzen sich die rotgrüne Spezialbrille auf und die Handlung der Sage wird ihnen eindrucksvoll als 3D Animation vorgeführt.  

Hier der Textausschnitt aus dem Roman 'Mappa Ordica':

... Ein Reiter trabt in einem edlen Gewand auf einem weißen Ross den Strand entlang. Er stoppt, nimmt sein mit Federn geschmücktes Barett vom Kopf, bückt sich zu Boden und sucht nach Spuren im Sand. Der Schimmel tänzelt hin und her, schwenkt seinen Kopf in den Raum. Der Blick des Reiters verweilt auf der ruhigen See, als wenn er dort etwas entdecken könnte. Der Lärm der Sturmglocken sind in der Ferne zu hören. Plötzlich steigt ein gewaltiges Stadttor mit Wachturm aus der See empor. Verängstigt geht das Pferd rückwärts, dreht, steigt hoch und blickt auf die vom Wasser abtropfende Mauer. Ein Poltern, ein Klopfen ist zu hören. Schweres Holz beginnt zu knarren. Wasser fließt in Strömen, dann fällt helles Licht durch das Tor der Zugbrücke, als diese sich quietschend senkt. Männer, bewaffnet mit langen Lanzen, treten auf die Brücke heraus und winken den Edelmann hinein. Doch dieser wartet. Er betrachtet die mit Gold verzierten Säulen der sich aneinander reihenden Häuser. Männer mit Hellebarden laufen geschäftig umher. Mit ihnen laufen aufgeputzte Frauen in altertümlichen Gewändern auf den mit Alabaster gepflasterten Wegen. Auf dem Marktplatz werden Früchte und Honigwein angepriesen. Vor den Bernsteinbuden stehen Männer in vollem Harnisch und bewachen den auf Holztischen liegenden Schmuck aus Gold und Silber. Der Reiter steigt ab und führt seinen Schimmel an den Zügeln hinein. Etwas scheint nicht zu stimmen. Die Glocken verstummen. Dann ist es plötzlich ganz still. Er geht inmitten der Menschen auf die Verkaufsstände des Marktplatzes zu. Mann kann die Schritte des Reiters hören sowie das nachhallende Klappern der Hufe des Pferdes. Sonst hören man nichts. Ein Schemel kippt lautlos zu Boden. Ein Marktschreier bietet seine Waren feil, doch auch er ist nicht zu hören. Ein Kaufmann spricht den verwirrten Edelmann an. Geisterwelt. Der Ritter sieht, dass sich die Lippen bewegen, als dieser seine Waren vor ihm ausbreitet. Eifrig zeigt der Händler auf ein kostbares Gewand aus Seide. Der Reiter greift zu und will es mitnehmen. Der Händler hält die ausgestreckte Hand. Aus einem mit Brokat ausgeschlagenem Kästchen holt der Händler erst einen kleinen Bernstein, dann ein bemaltes Stück Leinenpapier heraus. Zeigt darauf und hält die leere Hand ausgestreckt dahin. Doch der Ritter schüttelt nur den Kopf, lässt den Stoff los und lehnt ab. Immer mehr Händler kommen, um ihre kostbaren Waren dem Edelmann hoffnungsvoll anzubieten, doch dieser steigt ängstlich auf sein Pferd und flieht aus der Stadt. Kaum ist er vor dem Tor, da versinkt die Stadt wieder in den Fluten. Die Stadt taucht in die Tiefe und verschwindet im Grund der See. Nur noch einzelne Luftblasen erinnern an das Schauspiel von eben. Der Heilbutt schwimmt zurück zu seiner Liegestelle, an der einst ‚Vineta’ stand. Oben, am Strand ist nichts mehr von der Stadt zu sehen. Da bemerkt der Reiter am Wegesrand einen Wandergesellen.

„Hast du die Stadt gesehen?“, fragt der Ritter den Wanderer.
„Diese Stadt existiert nur in Legenden“, antwortet der Wanderer.
„Ich habe die Stadt gesehen.“
„Dann hättest du sie auch erlösen können.“
„Wie?“
„Mit einem Geldstück. Hättest du mit einem Taler die dir angebotene Ware bezahlt, dann wäre ‘Vineta’ endlich erlöst und die ganze Stadt an der Oberfläche geblieben.“

Traurig und mit schleifenden Gedanken wendet der Reiter auf der Stelle sein Pferd. Dann schaut er ein letztes Mal zurück, gibt dem Pferd die Sporen und verschwindet im Galopp am Horizont. Im Buch geht es dann weiter!

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